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06. April 2018

„Arbeitest Du eigentlich schon wieder?“ 

Wenn Freie aus dem Job geschleudert werden

Foto: istockphoto.com

Plötzliche Krankheit, familiäre Notfälle oder eine Schwangerschaft: Solche Herausforderungen sind für freie Journalistinnen und Journalisten eine ganz andere Nummer als für Festangestellte. Mangels Absicherung droht oftmals der – zumindest zeitweilige – Berufsausstieg. Doch wie können Weiterarbeiten, Wiedereinstieg oder Neuorientierung gelingen? Vier Erfahrungsberichte aus dem Norden machen Mut und zeigen Beispiele, wo man sich Unterstützung holen kann.

Uwe Oster (55), angestellt in der Unternehmenskommunikation einer bundesweit tätigen Betriebskrankenkasse, vormals freier Journalist in Schleswig-Holstein, erlitt 2013 einen Herzinfarkt, verlor seinen Hauptauftraggeber und orientierte sich neu.


„Der 30. November 2013 ist ein Datum, das ich nicht vergessen werde. Es war kalt, aber ein strahlend blauer Himmel versprach einen schönen Samstag. Gutes Wetter zum Fußball spielen. Als Trainer einer Nachwuchsfußballmannschaft des FSC Kaltenkirchen bereitete ich mich auf das Spiel vor, das für 11 Uhr angesetzt war. Doch kurz bevor es losgehen sollte, veränderte ein Ereignis mein Leben nachhaltig. Ein Herzinfarkt, der mich tatsächlich wie ein Blitz traf. Noch immer sehe ich meinen kleinen Sohn vor mir, der neben mir kniete und fragte, ob ich nun sterbe. Zum Glück lag der Sportplatz nahe des Krankenhauses in Norderstedt und ärztliche Hilfe verhinderte Schlimmeres. Doch schon bald nach der Entlassung aus dem Krankenhaus verlor ich meinen Hauptauftraggeber und damit die Existenzgrundlage. Ersatz war nicht in Sicht und so folgte der Absturz in die Arbeitslosigkeit, in Hartz 4 und alle damit verbundenen Probleme. Als Freiberufler war ich in dieser Situation gekniffen: Rücklagen und Altersvorsorge wurden völlig aufgefressen, ich stand buchstäblich vor dem Nichts. Dennoch war Aufgeben keine Option, denn als alleinerziehender Vater trug ich eine besondere Verantwortung.

 

Im Journalismus fand ich jedoch trotz aller Bemühungen zunächst keinen Anschluss. Für mich, der ich kein Studium nachweisen konnte, älter als 50 war und zudem Alleinerziehender, gab der Arbeitsmarkt keine Chance her. Schließlich sprach ich mit dem Jobcenter und erreichte, dass man mir eine Umschulung zum Kaufmann im Gesundheitswesen finanzierte. Im Praktikum in der Unternehmenskommunikation des Friedrich-Ebert-Krankenhauses (FEK) in Neumünster konnte ich an frühere Tätigkeiten, auch an meine Ausbildung als Krankenpfleger, anknüpfen. Schnell wurde mir klar, dass dies vielleicht eine Nische ist, in der ich Chancen habe. Ich bewarb mich im ganzen Norden. Das FEK hätte mich gern behalten, konnte aber keine weitere Planstelle schaffen. Also dehnte ich den Radius immer weiter aus. Schließlich erhielt ich eine Zusage in Koblenz, meiner Geburtsheimat. Bei der dort ansässigen bundesweit tätigen Debeka Betriebskrankenkasse gab man mir als erfahrenem Journalisten mit medizinischem Background und kaufmännischer Ausbildung eine Chance, um den Bereich der Unternehmenskommunikation aufzubauen. Dort ging es nicht darum, wie alt ich bin, sondern darum, was ich kann. Das gab mir enorm viel Auftrieb und ich bin nach wie vor froh, hier tätig zu sein. Hilfe und Unterstützung erfuhr ich auch vom DJV.

 

Ob es eine Weihnachtsbeihilfe war oder einfach nur mal das offene Ohr für meine Sorgen, ich hatte beim DJV Schleswig-Holstein eine unerwartete, aber sehr willkommene Unterstützung, für die ich dankbar bin. Letztlich kamen einige Faktoren zusammen, die den Neustart ermöglicht haben. Besonders froh bin ich darüber, nicht nur eine neue, spannende berufliche Perspektive gefunden zu haben, sondern auch eine Festanstellung mit ordentlichem Gehalt. Gerade wenn man alleinerziehend ist, beruhigt das sehr. Sicher war der Kampf nicht leicht. Aber mit Kind hat man einfach keine Wahl. Da muss man sich durchbeißen – egal, wie schwer es sein mag. Ich bin froh, diesen Weg gegangen zu sein und der Erfolg zeigt mir, dass er richtig war. Die Folgen meines ,Absturzes‘ nach Krankheit und Hartz 4 werde ich noch lange spüren. Aber der Anfang ist gemacht, und das Leben macht wieder Spaß.“


Sophie Krüger (Name geändert, 67), freie Hörfunkjournalistin für öffentlich-rechtliche Radioanstalten wie NDR und Deutschlandfunk in Hamburg, zog ihren Sohn groß und pflegte ihren Vater – und kämpfte zugleich um ihre Jobs.


„Neun Jahre lang habe ich mit meinem Sohn und meinem Vater unter einem Dach gelebt. Mein Sohn ging damals in die dritte Klasse, mein Vater war Mitte achtzig. In dieser Situation konnte ich kaum auf eine Festanstellung beim Radio hoffen – dafür waren die Hörfunkstrukturen damals auch nicht flexibel genug. Eine berufliche Karriere schien mir auch nicht so wichtig, wie meinen Sohn heranwachsen zu sehen und meinen Vater an sein Lebensende zu begleiten. Finanzielle Schwierigkeiten hatte ich kaum – für die Betreuung meines Vaters bekam ich ausreichend Haushaltsgeld, und die Ära des Pflegegelds begann auch gerade. Ich habe damals vor allem nachts längere Features und Reportagen verfasst, meistens über Themen wie Erziehung, pflegende Angehörige und Sterbebegleitung. Manchmal, wenn andere die Pflege übernahmen, konnte ich reisen und schrieb dann auch Reisereportagen. Auf aktuelle Berichte und kurzfristige Aufträge konnte ich mich nicht einlassen: Ich musste und wollte zu Hause ständig einsatzbereit sein. Dennoch war meine Auftragslage beim Radio nie schlecht. Die Honorare entsprachen allerdings selten dem Aufwand, und lange Sendungen, für die ich arbeitete, wurden systematisch abgebaut. Nach dem Tod meines Vaters zog auch mein Sohn aus. Die große Freiheit winkte mir, aber bei den Sendern wurde es für Freie eng. Ich nahm gut bezahlte Honoraraufträge von Institutionen an und hatte so neben dem Hörfunk ein weiteres Standbein. Heute bin ich im Ruhestand und schreibe immer noch…“


Regine Suling (42), freie Journalistin in Bremen, gönnte sich zur Geburt ihrer Tochter nur eine kurze Auszeit. Dank Elterngeld und hartem Einsatz behielt sie ihren Kundenstamm.
 „,Arbeitest Du eigentlich schon wieder?‘ Als mein Cousin mir diese Frage stellte, schaute ich ihn verwundert an. ,Ja, seit 20 Monaten‘, war meine Antwort. Zu diesem Zeitpunkt war meine Tochter gerade knapp 21 Monate alt. Der Wiedereinstieg in die Freiberuflichkeit ist mir mit Kind gut gelungen, vielleicht auch, weil ich nie wirklich aufgehört hatte und schon während der Schwangerschaft keine längeren Auszeiten nötig waren. 
Donnerstags saß ich abends noch im Büro, am nächsten Morgen um kurz vor sechs platzte die Fruchtblase. Und rund drei Wochen später nahm ich bereits meinen nächsten Zeitungstermin wahr, einfach, um wieder vor die Tür zu kommen, meiner Arbeit nachzugehen und andere Menschen außerhalb des Babylebens zu treffen. Keine Frage: Job und Kind von Anfang an miteinander zu kombinieren, ist eine Herausforderung. Und es ist anstrengend. Schnell fing ich an, genau mit der Schlafenszeit meiner Tochter zu kalkulieren, um währenddessen in Ruhe schreiben zu können. Wenn ich zu meinen Auftraggebern fuhr, hatte ich die Babyschale unterm Arm. Und oft ist meine Tochter aufgewacht, während wir gemeinsam in fremden Wohnzimmern saßen oder sie in ihrer Sitzschale gerade auf einem unbekannten Schreibtisch stand. ,Ich bringe meine jugendliche Assistentin mit‘, sagte ich häufig, wenn ich einen Termin vereinbarte. Und erntete zunächst irritierte Blicke, wenn ich mit meinem Baby im Schlepptau auftauchte. ,Ich hatte eine Praktikantin erwartet‘, sagte mir mal ein Gesprächspartner. Dass Kinder selbstverständlich zum Leben dazu gehören, beweist man sich und allen anderen, wenn man sie – soweit möglich – in die eigene Arbeit integriert. Das funktioniert. Mittlerweile ist meine Tochter zweieinhalb Jahre alt, ein begeistertes Krippenkind und wenn es passt, immer noch gerne bei Terminen dabei.


Meine Auftraggeber habe ich alle behalten. Ich habe zwar weniger gearbeitet, war aber immer präsent und habe meinen Fuß in jeder Tür behalten. Die Entscheidung, direkt weiterzuarbeiten, habe ich deshalb nicht bereut, auch wenn es mitunter anstrengend war. Alles, was andere Eltern mit Baby tun, kann man auch machen, wenn man freiberuflich seinem Job nachgeht. Spazieren gehen, beim Babyschwimmen mitmachen oder sich mit anderen Muttis treffen. Für mich war es wesentlich ressourcenschonender, meine Kunden direkt zu behalten, als sie nach einem Jahr Pause vielleicht komplett neu suchen zu müssen. Um finanzielle Einbußen abzufedern, habe ich Elterngeld Plus beantragt, eine seit knapp drei Jahren mögliche Form des Elterngeldes, die eine Teilzeittätigkeit ermöglicht. Aber Vorsicht: Wer Freiberufler ist, der sollte seine Einkünfte genau kalkulieren. Denn am Ende des Elterngeldbezugs gibt es von der Elterngeldstelle eine genaue Abrechnung, für die man zuvor seine Gewinnermittlung einreichen muss. Wer dann während der Zeit des Elterngeldbezugs zu viel verdient hat, muss mit einer empfindlichen Rückzahlungsforderung der Elterngeldstelle rechnen. Abseits des Geldverdienens hat es sich für mich gelohnt, direkt im Job zu bleiben. Denn der macht schließlich vor allem eines: Spaß. Und der sollte nie aufhören.“


Angela Grosse (62) aus Hamburg, Wissenschafts- und Medizinjournalistin sowie Moderatorin und Beraterin für naturwissenschaftliche und medizinische Themen, betreute ihren Vater und kämpfte sich mühsam durch den Informationsdschungel im Pflegebereich.
 „Seit fast fünf Jahren bin ich freiberuflich tätig und habe in den vergangenen Jahren meinen Vater betreut, bis er im vorigen Sommer mit 91 Jahren gestorben ist. Für mich war es selbstverständlich, mich als Tochter um ihn zu kümmern, als er am Ende seines Lebens Unterstützung brauchte, um weiterhin selbstbestimmt leben zu können. Rückblickend kann ich sagen, dass mir der Pflegebereich manchmal wie ein undurchdringlicher Dschungel aus Gesetzen und Bestimmungen erschien. Immer wieder wurde ich mit widersprüchlichen Aussagen konfrontiert. Beispielsweise, wer wann welche Hilfsmittel wie etwa Rollstühle, Badezimmersicherungen oder ähnliches bezahlt, ob es finanzielle Unterstützung für Sessel gibt, die das Aufstehen erleichtern. Diese Welt ist wirklich eine Welt für sich – oft nur schwer und zeitweilig mit hohem zeitlichen Aufwand zugänglich. Dabei sind wir Journalisten ja gewohnt, komplexe Sachverhalte zu recherchieren und zu erklären. Wie muss es da manch anderem gehen? Glücklicherweise traf ich immer wieder Menschen, die mich mit Rat und Tat unterstützt haben. Meine Auftraggeber konnte ich während der Betreuung meines Vaters, der zuletzt mit der Unterstützung von Betreuerinnen in seinem Haus lebte, glücklicherweise halten. Doch in dieser Situation die Arbeit und die Familie auszubalancieren, empfand ich als schwieriger und schlafraubender als in der Zeit, in der meine Kinder klein waren. Irgendwie war die Organisation damals leichter. Oft hatte ich das Gefühl, nicht allem gerecht zu werden. Bei alten Menschen wie meinem Vater haben Versäumnisse oder Mängel ja auch schnell lebensbedrohliche Folgen. Häufig sorgte ich mich, ob wirklich alles Nötige und Mögliche getan ist. Aus meiner Sicht wäre es wünschenswert, wenn der DJV mehr Hilfsangebote für Freie zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf zur Verfügung stellen würde.“

(Redaktion)




Hier gibt es Rat



Nützliche Informationen und eine umfangreiche Liste hilfreicher Institutionen und Adressen zum Thema Beruf und Familie versammelt die Website des DJV-Bundesverbandes (Navigation: www.djv.de, Info, Themen & Wissen, Chancengleichheit & Diversity; direkt unter Öffnet externen Link in neuem Fensterhttp://bit.ly/2H7oAJs).

Ebenfalls auf www.djv.de können DJV-Mitglieder den kostenlosen „Ratgeber für den Pflegefall“ als pdf oder ebook-Dokument bestellen (nach dem Intranet-Login mit DJV-Mitgliedsnummer unter Verlag & Service / Shop / Fachliteratur / DJV-Fachliteratur).

Persönliche und individuelle Beratung für Freie in allen Lebenslagen bieten die DJV-Landesverbände (Kontakt über Öffnet externen Link in neuem Fensterdjv-sh.de, Öffnet externen Link in neuem Fensterdjv-bremen.de, Öffnet externen Link in neuem Fensterdjv-hamburg.de).


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