Meldung Nordspitze

08. Juli 2019

Zeit für ein Update?

Wie Journalisten im Norden fit fürs Digitale werden

Auf dem journalistischen Stellenmarkt haben Jobs heute Namen wie Site-Manager, Content-Manager, crossmedialer Producer oder Social Media-Manager. Verheißungsvolle Berufsbezeichnungen. Sie klingen nach schöner neuer Online-Welt und für einige verlockend, sollten aber auch davor warnen, das auf die leichte Schulter zu nehmen, was sich dahinter verbirgt. Der digitale Wandel verlangt noch mehr Lernbereitschaft von uns. Die NORDSPITZE hat sich im Norden auf dem Markt der Aus- und Weiterbildung mit dem Schwerpunkt Digitales umgehört.

„Wir suchen dich! Du bist ein echter Onliner, ein Power-User diverser Social-Media-Kanäle, hast aber auch Erfahrung im Verfassen von Artikeln. Du weißt, welche Inhalte auf Snapchat oder Instagram passen, und welche dort am besten gar nicht publiziert werden. Mit Planungs-Tools und Zielgruppen-Targeting kennst du dich ebenso gut aus. Du verfügst über perfekte Rechtschreib- und Grammatikkenntnisse, hast einen flüssigen Schreibstil. Und du bist kreativ bei der Themenrecherche für Artikel, die sowohl Search Engine Optimization (SEO) als auch Social performen.“ So oder so ähnlich klingen die Inserate auf dem journalistischen Stellenmarkt von heute. Neue Namen, verbunden mit neuen Aufgaben für Journalisten, für Redakteure und Reporter, die wir auch im digitalen Zeitalter weiterhin sind und sein werden. Nur ein wenig anders eben.

 

Tools und Kommunikationswege
ändern sich

 

 

 

Experten, die Journalisten im Norden fit fürs Digitale machen, sprechen nicht unbedingt von neuen Berufen, die insbesondere Nachwuchsjournalisten heute ausfüllen sollen. „Es sind eher die Befähigungen in den Tools. Und die Arbeitsprozesse verändern sich“, erklärt Jörn Radtke, der eine Professur im berufsbegleitenden Masterstudiengang Journalismus und Medienwirtschaft an der Fachhochschule Kiel innehat. „Neue Leute werden nach Tools und Social Media-Kompetenz eingestellt“, sagt er. Und ist nicht der einzige, der zugleich betont, dass die alten Anforderungen an das journalistische Handwerk damit keineswegs verschwunden sind. Nur: Recherchieren, beobachten, Fakten überprüfen, gut und verständlich schreiben, klassische Darstellungsformen beherrschen, sich mit Medien- und Presserecht auskennen – das alleine reicht eben nicht mehr.

 

Gesucht ist nicht die eierlegende
Wollmilchsau

 

 

Das Berufsbild im Journalismus verbreitert sich – und damit auch die Anforderungen. Exemplarisch nennt Christian Stöcker, Leiter des Masterstudiengangs Digitale Kommunikation an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften (HAW) Hamburg, die visuelle Aufbereitung von Informationen: sei es als Video, Grafik oder interaktives Angebot. Verständnis für Suchmaschinen, soziale Medien und ihre algorithmischen Funktionsweisen seien ebenso wichtig wie Dialogfähigkeit. Vor allem eines müssten Journalisten verinnerlichen: „Niemand ist Spitzenschreiber, Video-Experte, Datenjournalist, Illustrator, Investigativ-Rechercheur und Web-Entwickler gleichzeitig. Aber alle werden in Zukunft in der Lage sein müssen, mit diesen und anderen Experten konstruktiv, effizient und auf Augenhöhe zusammenzuarbeiten.“ Besser zu kommunizieren ist demnach ein Schlüssel zum Erfolg für Nachwuchsjournalisten. Gerade weil sie so etwas ganz Großartiges lernen können, sagt Stöcker: „Zu entscheiden, welche Werkzeuge aus dem großen digitalen Werkzeugkasten in welcher Kombination am besten geeignet sind, um meine Geschichte zu erzählen und zu ihrem Publikum zu transportieren, und wen und was ich dafür brauche.“

 

Der Snackbereich dominiert

 

 

Wenn Geschichten auch Digital Natives erreichen sollen, also Menschen, die mit digitalen Medien aufgewachsen sind, kommen andere Formate ins Spiel – aufbereitet für Kanäle, die diese intensiv nutzen. Zwar entwickeln die sich ständig weiter, doch grundsätzlich sind Bewegtbild und kurze Formate hier auf dem Vormarsch, die auf dem Smartphone konsumiert werden, so Nadja Stavenhagen, Direktorin der Akademie für Publizistik (AfP) in Hamburg. „Beliebt sind schnell erzählte Formate wie Video-Storys, und Formate, die die Nutzer ansprechen, einbeziehen und zur Interaktion aufrufen. Gute Beispiele sind der Instagram-Channel des Guardian oder gut gemachte Erklär- und Infovideos, beispielsweise der YouTube-Kanal maiLab auf funk.“ Daneben seien Nachrichten von Vertrauensmedien wie die digitalen Angebote tagesschau.de und spiegel.de gefragt – und meinungsstarke Formate, etwa der Polit-Podcast Lage der Nation oder Deutschland3000 mit Eva Schulz. „Wenn etwas wirklich interessiert, sind Nutzer nach wie vor bereit, in die Tiefe zu gehen“, konstatiert Jörn Radtke. Deshalb funktionieren auch sogenannte „digital longforms“, umfassende Multimedia-Formate, mit denen man sich bei Bedarf hintergründiger informieren kann. Der Snackbereich, Nachrichten mit hohem viralem Potenzial, die sich auch modular zu etwas größerem zusammensetzen lassen, dominiere aber. Die Faustregel dafür: Inhalte sollten „spreadable“ sein, verbreitungsfähig. „Je jünger die Zielgruppe, desto kürzer.“ Der Trend: immer stärker visuell und mobil.

 

Auf dem neuesten Stand bleiben – aber wie?

Was das für Journalisten bedeutet, ist klar: Sie müssen sich auch selbst immer wieder mit dem digitalen Werkzeugkasten auseinandersetzen. Seit Digitalisierung von der redaktionellen Organisation über Workflows und Inhalte-Produktion bis zur Ausspielung und der Interaktion mit den Usern in nahezu allen Medienunternehmen ganz oben auf der Liste steht, ist das wichtiger denn je. „Alle, die in dem Bereich arbeiten, müssen laufend am Ball bleiben“, betont Nadja Stavenhagen. Und legt damit den Finger in die Wunde. Was die digitale Transformation von ihnen fordert, haben die wenigsten mit der Muttermilch aufgesogen. Und alle, das bedeutet: nicht nur der Nachwuchs. Stavenhagen empfiehlt neben der schnellen Variante – dem regelmäßigen Austausch in Netzwerken, etwa mit gleichgesinnten Kollegen aus anderen Redaktionen, die ähnlich arbeiten oder schon etwas weiter sind – gezielte Fortbildungen, um bestimmte Kompetenzen neu zu lernen oder zu vertiefen. 

 

Qualität durch Weiterbildung sichern

 

 

Mehr Bereitschaft, sich im Abstand weniger Jahre fortzubilden, und zwar unabhängig vom Alter: Dafür plädiert auch Stephan Weichert. Er leitet den berufsbegleitenden Studiengang Digital Journalism an der Hamburg Media School (HMS), für Journalisten mit mehreren Jahren Berufserfahrung, die sich spezialisieren möchten. „Journalismus ist in seiner Lernbereitschaft niemals abgeschlossen“, unterstreicht er. „Wir müssen nicht alle Moden mitmachen als Journalisten. Aber man muss sich informiert halten, und nicht sagen: Das geht mich nichts an.“ Diese Art von Arroganz berge die Gefahr, sich die Ignoranz der Zielgruppen einzufangen. „Spätestens alle fünf Jahre ist ein Update erforderlich. Keiner ist zu alt dafür.“ Nur nebenbei im Redaktionsalltag sei das nicht möglich, weder für ältere Kollegen noch für Nachwuchsjournalisten, die natürlich nicht automatisch fitter sind, im digitalen Bereich aber nur bedingt von der älteren Generation lernen können. „Es fehlt in den Redaktionen an Personal, das das digitale Handwerk beherrscht. Natürlich gibt es Ausnahmen, aber viele kleine haben dafür keine Kapazitäten. Bei diesem Defizit wollen wir helfen.“

 

Als Grundlage kein Muss: medien-spezifische Studiengänge

Doch wie wird man einer von diesen gefragten „echten Onlinern“? Die beste Basis, den goldenen Weg, um im Journalismus des digitalen Zeitalters anzukommen, gibt es nicht. Deshalb haben Anbieter im Norden, die uns in weiterführenden Studiengängen dafür befähigen, in der Regel keine Vorgabe, welches Grundstudium Journalisten vorweisen müssen. Journalismus bleibt ein Quereinsteigerbereich, sagen sie. „Man muss es nicht studiert haben. Weiterbildung und Interesse sind wichtiger. Es ist ein Mach-Fach“, so Jörn Radtke. Darin komme es auf bestimmte Eigenschaften an, Neugier und Auffassungsgabe zum Beispiel – und heute auch auf Technikaffinität.

In einem Journalistik-Studium sieht Nadja Stavenhagen den Vorteil, dass es gleich am Anfang Grundlagen und Kompetenzen für die spätere Tätigkeit bietet. Dafür hätten Fachstudien, etwa in einer Naturwissenschaft, Volkswirtschaftslehre oder Informatik, kombiniert mit einem Volontariat, den Vorteil der zwei Standbeine. Als BWLer oder VWLer Journalismus und Unternehmertum zu vereinen, sei ebenfalls eine gefragte und zukunftsorientierte Mischung. Nicht zuletzt werde für den Bereich Informatik/Technologie/Digitales laufend gesucht: „Wer programmieren und journalistisch arbeiten kann, dem winken spannende Möglichkeiten im Digitalbereich.“

Isabelle Breitbach
(ist im DJV Schleswig-Holstein Themenbeauftragte für den Bereich Zukunft)

 

 

Digitale Transformation lernen

Diese Angebote gibt es in Hamburg, Bremen und Schleswig-Holstein

 

Eine ganze Reihe von Ausbildungsangeboten gibt es in Hamburg. Der Master-Studiengang Digitale Kommunikation an der HAW Hamburg bildet Studierende nach dem „Teaching-Hospitals“-Modell amerikanischer Journalistenschulen aus: Im hochschuleigenen Newsroom produzieren sie tagesaktuell ein eigenes Online-Magazin namens fink.hamburg. Die HMS bildet seit 2013 im Master-Studiengang Digital Journalism berufserfahrene Journalistinnen und Journalisten weiter, die sich spezialisieren wollen. Für Berufseinsteiger bietet sie ab Herbst 2019 als weitere Spezialisierung zudem ein Master-Volontariat an. Auch die AfP hat mit dem Master-Studiengang New Media Journalism ein berufsbegleitendes Angebot entwickelt. In Lehrgängen und Seminaren kann man sich hier ebenfalls weiterbilden.

 

Digital Media Business lässt sich an der Hochschule Macromedia neben dem Beruf studieren. Die DMA-Medienakademie lehrt angewandte Medien in einem Bachelor-Studiengang. Sie ist vor allem auf Bewegtbild ausgerichtet. In Schleswig-Holstein bietet die Fachhochschule Kiel sowohl den Master-Studiengang Journalismus und Medienwirtschaft als auch das Weiterbildungsangebot J-School an. Letzteres hat auf Nachfrage Seminare und Workshops für Journalistinnen und Journalisten sowie Redaktionen im Angebot, Inhouse oder auf dem Campus der FH. In Bremen ist das Angebot mittlerweile ein wenig ausgedünnt. Der internationale Studiengang Journalistik an der Hochschule Bremen wird geschlossen. Digital Media wird als englischsprachiger Bachelor- und Master-Studiengang von der Hochschule für Künste und der Universität Bremen gemeinsam angeboten. Die Universität bietet mit Digital Media and Society einen Studiengang in diesem Bereich an.

ib

 

 

(Fotos: Florian Büh/www.Gutes-Foto.de, Uwe Tolle, Sebastian Isacu, S. Wollenschläger, Sebastian Isacu, Florian Büh (v.o.n.u.))