Meldung Nordspitze

11. Oktober 2017

Radioerfolge aus dem Norden

„Wir punkten mit Lokalität, Nähe und Emotion“

Hörfunk ist das einzige klassische Medium, das Nutzer kontinuierlich halten kann oder sogar hinzugewinnt. Die aktuellen Media-Analysen belegen: Die Nutzungsdauer der Radiosender in Norddeutschland und die Verweildauer nehmen zu. Die NORDSPITZE zeigt auf, mit welchen Erfolgsrezepten Programmverantwortliche in Bremen, Hamburg und Schleswig-Holstein arbeiten.

Mechthild Mäsker, 
Leiterin Studio Lübeck,  NDR 1 Welle Nord: „Radio sollte nicht versuchen, Fernsehen oder Online oder Print zu ersetzen, sondern weiterhin zu ergänzen, mit modernem Format in Inhalten und journalistischen Formen, aber auch mit dem Blick auf unseren Qualitätsanspruch. Jedes Programm sollte erkennbar und unverwechselbar sein, auch wenn es sich immer ein bisschen dem Zeitgeist und den Entwicklungen in der Medienwelt anpassen muss.“ (Foto: Sabine Spatzek)

Jan Weyrauch, 
Programmdirektor, Radio Bremen: „Ein entscheidender Faktor wird sein, wie wir unsere wertvollen Inhalte, und da denke ich nicht nur an die jüngeren Programme, sondern insbesondere auch an die Kultur- und Informationsprogramme der ARD, auf die Smartphones und Tablets unserer Hörerinnen und Hörer bekommen. Gerade die Kulturradios haben mit ihren Hörspielen, Interviewsendungen und Dokumentationen vieles zu bieten, das ich zeit- und ortsunabhängig da hören will, wo ich mich als Hörer gerade befinde.“ (Foto: Radio Bremen)

Mathias Bartels, 
Chefredakteur, Energy Bremen: „Die größte Herausforderung für private Radiosender ist es, gegen die gebühren- und werbefinanzierte Übermacht der öffentlich-rechtlichen Sender weiterhin bestehen zu können. Außerdem ist es wichtig, junge Menschen davon zu überzeugen, dass Radio mehr ist als eine seelenlose Spotify-Playlist ohne emotionale Moderation. Dann wird es uns gelingen, auch in Zukunft erfolgreich zu sein.“ (Foto: Energy Bremen)

Rainer Hirsch, 
Leiter Nachrichten, Radio Hamburg: „Eine große Herausforderung wird es sein, unsere Angebote an sich ständig veränderndes Nutzungsverhalten und Übertragungswege anzupassen. Vielleicht werden künftig auch weniger Menschen linear Radio hören, sondern einzelne Inhalte zu ihren Wunschzeiten abrufen und anhören. Unter solchen Bedingungen eine Marke zu pflegen und zu erhalten, die im weltweiten Angebotsdschungel Bestand und Zulauf hat, ist nicht einfach, aber letztlich werden wir auch in dem Umfeld mit Lokalität, Nähe und Emotionalität punkten.“ (Foto: Radio Hamburg)

Peter Gehlsdorf, 
Leitung Bürgerradio und Programmplanung, TIDE 96.0: „Das Bedürfnis nach Interaktivität der Hörer muss Einzug in die Programmgestaltung finden. Dies sollte meiner Meinung nach über Sendungskonzepte geschehen, in denen eine echte Kommunikation zwischen Sender und Empfänger entsteht. Kommentare auf einer Webseite erfüllen diesen Anspruch nicht. Wenn dies funktioniert, sind die neuen Verbreitungswege eher ein Vorteil für das Radio.“ (Foto: TIDE)

Radiomacher im Norden erklären ihren anhaltenden Erfolg allesamt mit einer Grundeigenschaft des Hörfunks. Radio sei das klassische „Nebenbei-Medium“, schon seit Jahrzehnten. Es läuft bei der Autofahrt, bei der Hausarbeit, bei den Schularbeiten – und bringt damit Musik, Unterhaltung und Information direkt zu den Hörern. Diese Rolle habe kein anderes Medium übernehmen können. Denn Fernsehen und Internet fordern eine aktivere Teilnahme.

Im zweiten Schritt sei es vor allem die immer stärker an den Zielgruppen ausgerichtete Programmgestaltung, die Radio anhaltend beliebt mache. „Wir haben die Musik weiter auf unser Zielpublikum konfektioniert“, stellt Mechthild Mäsker als Leiterin des Lübecker Studios für NDR 1 Welle Nord fest. Für diesen Sender seien das die Menschen in Schleswig-Holstein ab 40 Jahren. Musik sei das ausschlaggebende Einschaltkriterium. „Dazu wird kontinuierlich am Programminhalt gefeilt, an regionaler Information, an Geschichten über die Menschen und ihr Leben in Schleswig-Holstein – und das schätzen die Leute hierzulande besonders.“ Die Radiofrau beobachtet weiterhin, dass Einschaltimpulse generiert werden, wenn Programmangebote mit Online-Hinweisen
und Social-Media-Clips begleitet werden –  „zum Beispiel, wenn wir mit einem Video in der NDR-Schleswig-Holstein-App für einen Beitrag über einen Weltumsegler aus Arnis oder die Aktion ,Horst hilft...“ werben. Mechthild Mäsker: „Es greifen immer viele Maßnahmen ineinander für ein erfolgreiches Radioprogramm. Für unser Musikformat ist es wichtig, dass wir off air mit der NDR-Sommertour und den dazu gehörenden Konzerten für unser Rock-Pop-Format im Radio werben.“

In Schleswig-Holstein, Hamburg und Bremen weichen die Programm-Konzepte trotzdem deutlich voneinander ab, da sich die Märkte und Konkurrenzsituationen sehr unterscheiden. „Man muss mit seinen Angeboten das spezielle Lebensgefühl eines Bundeslandes treffen, um Erfolg zu haben. Darauf achten wir bei all unseren Programmen“, weiß Jan Weyrauch, Programmdirektor von Radio Bremen. „So lange noch Werder Bremen-Fahnen in den Garagen der Häuser hängen und keine HSV-Flaggen, so lange werden auch die Radio Bremen-Programme noch gehört.“ Vor einem Jahr hat Radio Bremen mit Bremen NEXT ein neues, crossmediales Angebot gestartet, das nicht nur in den sozialen Netzwerken, sondern auch klassisch als Radio-Stream verbreitet wird. „Damit ist es uns nach langen Jahren wieder gelungen, auch für die junge Zielgruppe der unter 25-Jährigen, von denen in Bremen gut jeder Dritte einen migrantischen Hintergrund hat, etwas Adäquates anzubieten“, berichtet Weyrauch. „Mit Bremen NEXT für die Jungen, Bremen Vier für die Familien, Bremen Eins für die etwas Älteren und mit unserem besonderen Kultur- und Informationsangebot Bremen Zwei bietet Radio Bremen jetzt für Hörerinnen und Hörer jeden Alters und Geschmacks ein passendes Programm.“

Gerade in Bremen ist der Druck auf einem eher kleinen, dafür aber eng umkämpften Sendegebiet besonders groß. Das fordert von den privaten Konkurrenten ein schärferes Profil. „Energy Bremen steht für Musik, Unterhaltung und regionale Informationen aus Bremen, Bremerhaven, Oldenburg und Umzu. Wir gehen dahin, wo unsere Hörer sind: zu Konzerten, Electro-Festivals, Comedy-Events oder Sport-Ereignissen“, sagt Mathias Bartels, Chefredakteur Energy Bremen. „Wir sind anfassbar und transparent.“ Ganz wichtig sei dabei, authentische „Personalities on air“ zu haben: Moderatoren, die sich im Sendegebiet auskennen, selbst dort wohnen und den Alltag der Hörer selbst leben und erfahren. „Es geht um echte Emotionen, die wir vermitteln wollen. Wir ärgern uns darüber, wenn wir morgens in einer der vielen Bremer Baustellen lange im Stau stehen – genau wie unsere Hörer. Wir freuen uns, wenn Werder gewinnt – weil wir eben auch echte Fußballfans sind. Durch direkte, authentische Ansprache und das Gespür für Themen, die unsere Zielgruppe bewegen, ist es uns gelungen, emotionale Bindungen zu den Hörern aufzubauen.“

Bei Radio Hamburg haben sich Moderatoren und Präsentatoren zum Ziel gesetzt, im wahrsten Sinne des Wortes „greifbare Charaktere“ zu sein. „Wir beantworten jede Mail, jeden Anruf und jede Twitter-Anfrage und haben regelmäßig Hörer zu Gast im Funkhaus“, sagt Rainer Hirsch, Leiter Nachrichten bei Radio Hamburg. „Zum Beispiel haben wir das Profil unseres Morningshow-Teams geschärft und unseren Nachrichten ein kompakteres Layout verpasst, um der veränderten Nachrichtennutzung unserer Hörer zu entsprechen, ohne sie im informationellen Niemandsland zurückzulassen. Außerdem versorgen wir unsere Hörer seit einigen Monaten per WhatsApp mit Eilmeldungen zu Hamburg-Themen.“ Als Hamburgs Innensenator Grote und Bürgermeister Scholz jeweils eine Stunde lang live in der „Morningshow“ Fragen zum G20-Gipfel beantworteten,  „hörten die Telefone nicht auf zu klingeln, und die Menge eingehender WhatsApp-Nachrichten war beeindruckend“, erzählt Hirsch.

Mit aktuell 130 verschiedenen Bürgersendungen machen monatlich mehr als 300 Menschen Radioprogramm beim Hamburger Bürgerfunk TIDE 96.0. Offensichtlich gibt es ein starkes Bedürfnis, sich selbst am Meinungsbildungsprozess zu beteiligen und „eine ausreichend große Unzufriedenheit mit den Angeboten der Hamburger Radiolandschaft“, sagt Peter Gehlsdorf, Leitung Bürgerradio und Programmplanung TIDE. „Ein bis zwei neu eingereichte Sendungskonzepte pro Monat sind meiner Meinung nach ein guter Beleg dafür.“ Auch der angebliche Radiokiller Internet treibe die Bürger-Programmmacher zu TIDE. „Ich bekomme regelmäßig Konzepte von Internetradios, die Teile ihres Programms bei TIDE 96.0 ausstrahlen möchten. Radio über Antenne ist nach wie vor ein Qualitätsmerkmal. Als reiner Internetsender geht man in der scheinbar unendlichen Masse unter.“ Die Hörerreichweite sei natürlich auch fürs Bürgerradio sehr wichtig. „Was nützt ein Bürgerprogramm, das keiner hört?“, fragt Peter Gehlsdorf. Man setze bei der Erhöhung der Reichweite auf die Qualität der Sendungen. „Dafür bilden wir die Produzentinnen und Produzenten aus und beraten sie regelmäßig, indem wir Feedback zu den Sendungen geben.“

Florian Vollmers