Deutscher Journalisten-Verband Landesverband Hamburg

Die Kräfte bündeln -

Mitgliederversammlung des DJV Schleswig-Holstein bestimmt Kai Dordowsky zum neuen Vorsitzenden und votiert für das Ausloten einer Nord-Fusion

Die Wahl eines neuen Vorsitzenden, der mögliche Zusammenschluss mit dem DJV Hamburg sowie ein „Testangebot“ für Neumitglieder: Bei der Mitgliederversammlung des DJV Schleswig-Holstein ging es um wichtige Weichenstellungen für die nahe und mittelfristige Zukunft des Verbandes im Norden.

Corona-bedingt knapp vier Monate später als geplant trafen sich die Mitglieder am Donnerstag, 27. August, im Sparkassen-Veranstaltungszentrum in Kiel.Gäste waren aus aktuellem Anlass Marina Friedt und Stefan Endter, Vorsitzende und Geschäftsführer des DJV Hamburg, sowie Katrin Krömer,Schatzmeisterin des Bundesverbandes. Die Diskussion über eine mögliche Fusion der Landesverbände im nördlichsten Bundesland und in der Hansestadt ergab einen breiten Konsens: Die Kräfte zu bündeln über die bereits jetzt gelebte Kooperation hinaus, sei die beste Option, um als starke Interessenvertretung für Journalistinnen und Journalisten weiter zu bestehen und wichtige Serviceleistungen wie beispielsweise Rechtsberatung und -schutz in vollem Umfang anzubieten. Zwar sei die Fusion „kein Selbstgänger“, wie die Vorstände übereinstimmend betonten. Doch die Bereitschaft ist da: In Hamburg hatten sich die Mitglieder bereits eine Woche früher auf ihrer Mitgliederversammlung für das Ausarbeiten eines konkreten Fahrplans zum Zusammenschluss ausgesprochen.

Als neuer Vorsitzender des DJV Schleswig-Holstein wird Kai Dordowsky diesen Prozess maßgeblich mit gestalten. Der Redakteur der Lübecker Nachrichten wurde für zwei Jahre gewählt und ist damit Nachfolger von Arnold Petersen, der nach zwei Amtszeiten nicht erneut kandidierte. Dordowsky, Jahrgang 1961 und seit 30 Jahren Lokaljournalist, gehörte dem Vorstand bereits seit 2018 als Beisitzer an, engagiert sich als Mitglied der Tarifkommission sowie als Betriebsrat. Er sagte nach seiner Wahl: „Kooperation und Fusion sind aus meiner Sicht die Zukunft für den Verband. Mit einer neuen Struktur können wir im Norden Vorreiter sein. Aber auch die Tarifpolitik der nächsten Monate und Jahre wird spannend. Gewerkschaften und Zeitungsverlage haben einen Corona-Tarifvertrag ausgehandelt. Mal sehen, ob Verlage die Instrumente wie Kürzung der Jahresleistung ergreifen und im Gegenzug Beschäftigungssicherung garantieren und ihre Bücher öffnen.“

Als Beisitzer neu in den Vorstand gewählt wurden Anne Holbach, Redakteurin Kieler Nachrichten, und Lukas Knauer, freier Mitarbeiter im NDR Studio Flensburg. Dem Gremium gehören weiterhin die freie Journalistin Esther Geißlinger als Schatzmeisterin und der Tageszeitungsredakteur Andreas Olbertz als stellvertretender Vorsitzender an. Nicht mehr dabei ist Sandra-Lucie Kluth, die nach vier Jahren Vorstandsarbeit berufsbedingt auf eine erneute Kandidatur verzichtete.

Ebenso wie bei den Vorstandswahlen fiel das Votum der Mitglieder auch bei einem weiteren Tagesordnungspunkt nahezu einstimmig aus: Wer zwischen 1. Januar und 31. Dezember 2021 neu in den Verband eintritt, zahlt ein Jahr lang einen ermäßigten Beitrag von 9,90 Euro pro Monat. Das Angebot geht auf einen Beschluss des DJV-Verbandstages zurück, der die Landesverbände zur Teilnahme an einer bundesweiten Aktion „Volos, Junge, Freie – testet den DJV“ aufforderte. „Mit Blick auf die Corona-Lage wollen wir das Angebot auf alle Neumitglieder erweitern“, erklärte Kai Dordowsky die Initiative des Vorstands.

Ach ja, Corona: Selbstverständlich spielte die Pandemie auch bei der Mitgliederversammlung eine Rolle, sowohl bezogen auf Abstand, Hygieneregeln usw., als auch als zusätzlicher Unsicherheitsfaktor in der ohnehin insgesamt schwierigen Lage in der Medienbranche. Der DJV hat sich seit Ausbruch der Pandemie intensiv bemüht, besonders den Freien die Möglichkeiten für eine finanzielle Unterstützung in der Krise aufzuzeigen. Eine landeseigene Corona-Hilfe für Solo-Selbständige lehnte die politische Mehrheit im Kieler Landtag leider ab. So müssen viele Freie aktuell um ihre berufliche Existenz fürchten, für einige angestellte Kolleginnen und Kollegen gibt es ebenfalls Einbußen. Dem Thema Corona widmet sich auch der Schleswig-Holsteinische Journalistenpreis 2020: „Covid 19 – wie ein Virus unser Leben verändert“ ist das Thema der Ausschreibung (Infos unter www.shjp.de).

ViSdP: Bettina Neitzel, Geschäftsführerin

Meldung Nordspitze

Weshalb professionelle Distanz so wichtig ist

Eine Kieler Polit-Affäre und ihre Lehren

06.07.2020

Schleswig-Holstein ist für politische Affären berüchtigt. So beschaulich das Land, so ruppig geht es mitunter im Landeshaus an der Kieler Förde zu. Jetzt kam es mitten in der Corona-Krise zum Eklat. Innenminister Hans-Joachim Grote (CDU) wurde „vom Hof gejagt“, wie er bitter beklagt. Ein Journalist spielte dabei eine zentrale Rolle. Eine Lehre aus dem Fall: Quellenschutz ist das A und O in unserem Beruf.

Der Schleswig-Holsteinische Landtag in Kiel: Enge Kontakte zu einem Journalisten brachten Minister Grote zu Fall. (Foto: Schleswig-Holsteinischer Landtag)

Was ist passiert? Ministerpräsident Daniel Günther (CDU) wirft seinem Innenminister a. D. zu enge Kontakte zu einem Reporter der Kieler Nachrichten (KN) vor, mehr noch, dass ihm der Minister darüber auf Nachfrage die Unwahrheit gesagt habe. Grote bestreitet dies und weist die Vorwürfe als ehrabschneidend zurück. Opposition und einzelne Medien vermuten hinter dem erzwungenen Rücktritt mehr als den von Günther angeführten Vertrauensverlust. Im Hintergrund geht es um tatsächliche und vermeintliche Missstände bei der Landespolizei, um Rockerkriminalität und einen V-Mann, um frisierte Akten und angebliches Mobbing. Die so genannte Rocker-Affäre reicht bis ins Jahr 2010 zurück, seit 2018 bemüht sich ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss um Aufklärung.

 

Der KN-Reporter hatte sich besonders tief in dieses vielschichtige Geflecht gekniet, manche meinen verrannt. Er pflegte dabei intensiven Austausch mit einem Polizeigewerkschafter, einem scharfen Kritiker der Zustände bei der Landespolizei. Gegen diesen Beamten ermittelt seit 2019 die Staatsanwaltschaft wegen Verdachts auf Geheimnisverrat. Er soll über Jahre den Redakteur über Interna informiert haben, über vertrauliche Untersuchungen bei der Landespolizei ebenso wie über laufende Ermittlungen oder Einsätze. Im Zuge der Ermittlungen wurde auch die Handy-Kommunikation des Beamten ausgewertet. Das Bild, das sich darin andeutet: Der Reporter bekam Exklusivnachrichten, der Gewerkschafter publizistische Unterstützung.

 

Laut Handy-Auswertung tauschte sich der Reporter ebenfalls mit Grote intensiv aus.

Nun gehört es zum Job, dass ein Polizeireporter einen guten Draht zum Innenminister aufbaut. Doch nach dem, was inzwischen bekannt ist, stieß die Staatsanwaltschaft – die selbst zu den Akteuren in der Rocker-Affäre zählt und in der Kritik steht – auf dem Handy des Polizeigewerkschafters auf umfangreiche Protokolle mit angeblichen Zitaten Grotes, gefallen im Gespräch mit dem Journalisten. Der soll diese an den Gewerkschafter weitergeleitet haben.

 

Die Staatsanwaltschaft muss über politische brisante Fälle informieren und setzte das Justizministerium ins Bild, das wiederum die Staatskanzlei. Daniel Günther las in dem Chatverkehr „Aussagen, die ein Minister nicht machen sollte“. Ob die so genannten Bestra-Berichte der Staatsanwaltschaft – mit der Kommunikation zwischen Minister und Reporter als Beifang – auf dem Schreibtisch des Ministerpräsidenten landen durften, prüft das Landesdatenschutzzentrum. Die vertraulichen Bestra-Berichte wurden inzwischen ebenfalls den Medien zugespielt.

 

Sicher ist: Bei Beachtung des Pressekodex wäre Grote wohl noch im Amt. „Die Presse wahrt das Berufsgeheimnis . . . und gibt Informanten gegen deren ausdrückliche Zustimmung nicht preis“, heißt es in Punkt 5. Ohne Quellenschutz sind wir nichts, meint Georg Mascolo, Leiter der Recherche-
kooperation von NDR, WDR und Süddeutscher Zeitung. Auf dem DJV-Verbandstag im vergangenen November in Berlin mahnte er: „Quellenschutz beschreibt nichts anderes als unser unbedingtes Versprechen gegenüber all jenen, die sich an uns wenden: Ihr seid in guten Händen. Wir schützen Eure Identität. Absolut und unbedingt.“

 

Noch etwas schärfte Mascolo allen Kolleginnen und Kollegen ein: Vorsicht beim Telefonieren, Skypen, Mailen oder mit Messenger-Diensten, wenn es um Vertrauliches und Brisantes geht. Alles, was elektronisch übermittelt werde, könne nachverfolgt und entschlüsselt werden. Schleswig-Holsteins jüngste Polit-Affäre ist der Beleg, die sichergestellten Chat-Protokolle sind zum Lesestoff für ein breites Publikum geworden. Auch das drängt sich bei der Lektüre auf: So wichtig vertrauliche Kontakte sind, professionelle Distanz und journalistische Sorgfalt bei der Recherche sollten nicht verloren gehen.

 

Arnold Petersen

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