Deutscher Journalisten-Verband Landesverband Hamburg

Meldung Nordspitze

Das Autorinnen-Duo Almut Siegert und Silke Gronwald

Mein Buch, mein Verlag!

06.07.2020

Journalist*innen können schreiben. Können Sie auch Bücher verlegen? Na klar! Ein Selbstversuch

Almut Siegert und Silke Gronwald (Foto: Stephan Pflug)



Das Selfpublishing! Das Schöne ist das Schlimme daran, das Schlimme ist das Schöne. Wer selbst ein Buch herausbringt, kann alles selbst entscheiden – und muss alles selbst tun. Er oder sie ist Schreiber*in, Verleger*in, Werber*in in einer Person – trägt die Verantwortung, verdient unter Umständen aber auch mehr.

 

Doch von Anfang an! Im Herbst 2018 kamen wir, zwei erfahrene Journalistinnen, auf den Gedanken, ein Buch über Narzissmus und toxische Beziehungen zu schreiben. Das Thema hatte Konjunktur, erzielte auf YouTube Rekordabrufzahlen und wurde nicht zuletzt durch die Eskapaden des amerikanischen Präsidenten Donald Trump immer wieder neu befeuert.

 

Wir dachten damals: Schnell gemacht! Um es gleich zu sagen: Es sollte eineinhalb Jahre dauern, bis unser Buch „Genug ist genug. Narzissmus, Egozentrik und emotionaler Missbrauch: Wie toxische Beziehungen entstehen - und wie Sie sich daraus lösen können“ über amazon.de und im Buchhandel erhältlich war. Das ist die erste Lektion: Fast alles braucht länger als man denkt! Und das gilt ganz besonders, wenn man ein Buchprojekt nebenher betreibt, neben dem regulären Job, neben Familie und Kindern.

 

Dennoch sollte das niemanden abschrecken, ein Buch im Selbstverlag herauszubringen. Es macht Spaß, dient dem Selbstmarketing, ist eine Weiterbildung, auch in technischen Dingen, par exellence – und ist eine ziemlich risikolose Möglichkeit, unter Umständen eine zusätzliche Einnahmequelle zu generieren. Denn hohe Investitionen sind, mal abgesehen von der eigenen Arbeitskraft, nicht nötig.

 

Hier im Schnelldurchlauf ein Überblick über unsere Erfahrungen und Einschätzungen:

1.

Ohne amazon.de geht es nicht. Wir verkaufen über 90 Prozent der Bücher über diese Plattform, als E-Book und print on demand. Es gibt verschiedene Tantiemen-Modelle, will man die höhere Tantieme kassieren, muss man sich verpflichten, das E-Book exklusiv bei Amazon anzubieten. Alternative Absatzkanäle wie Tolino und ePubli fallen dann weg.

 

2.

Man muss keine Grafik- oder IT-Expertin sein, um das Buch bei amazon.de hochzuladen oder die Druckdaten an die Druckerei zu schicken. Allerdings sollte einen etwas technisches „Gefummel“ nicht abschrecken. Und für amazon.de gilt: Es gibt ein paar wenige Stilvorlagen, der Rest ist vorgegeben.

 

3.

Bei der Print-Ausgabe vereinnahmt Amazon Autoren nicht so stark. Es ist möglich, das Buch parallel auch im ganz normalen Buchhandel oder auf anderen Plattformen zu verkaufen – ohne dass es gleich Abzüge bei den Tantiemen gibt. Dienstleister wie tredition oder bod helfen einem, sowohl eine Print- als auch eine E-Book-Version zu erstellen. Aber dieser Service hat seinen Preis. Wir haben darauf verzichtet und hundert Bücher auf eigene Kosten bei einer kleinen Druckerei in Auftrag gegeben und verschicken diese selbst.

 

4.

Hilfe von Profis lohnt sich unserer Ansicht nach aber in zwei Bereichen: Das Cover haben wir von einer Grafikerin gestalten lassen, eine Schlussredakteurin hat das Korrektorat erledigt.

 

5.

Es gibt im Netz zu fast jeder Frage zum Selfpublishing eine Antwort. Sehr zu empfehlen: selfpublisherbibel.de. Sehr lohnend war auch der Austausch mit anderen Selfpublishern – und sei es, um zu erfahren: Man muss es eben ausprobieren.

 

6.

In der Regel bringt das erste Buch keinen Geldsegen. Es gibt Selfpublisher, die sehr erfolgreich sind. Auch E.L. James veröffentlichte ihren Bestseller „Fifty Shades of Grey“ zunächst nur im Internet. Den Stars der Branche stehen aber viele Tausende gegenüber, die mit dem Verkauf kaum ihre Unkosten decken können. Immer im Hinterkopf behalten: In Deutschland kommen allein über die Verlage pro Jahr rund 70.000 neue Titel auf den Markt. Wir haben in den ersten drei Monaten rund 700 Euro mit dem Buch verdient. Unser E-Book kostet 8,99 Euro, das gedruckte Buch 13 Euro. Davon bekommen wir 5,75 und 3,37 Euro. Der Rest geht an amazon.de. Buchhandlungen räumen wir einen Weiterverkaufsrabatt von 30 Prozent ein. Pro Buch verdienen wir hier also deutlich mehr – bislang haben wir allerdings erst ein paar Handvoll Bücher über den stationären Buchhandel verkauft.

 

7.

Marketing, klar eine wichtige Sache! Schließlich muss die Welt von dem Buch erfahren. Wir hatten zwei Veröffentlichungen mit Buchtipp, einmal in Emotion und etwas später auf Spiegel Online. Während sonst etwa ein bis drei Bücher pro Tag gekauft wurden (woher diese Käufer*innen kamen, wissen wir nicht genau), waren es in diesen Tagen gut 30 Bücher. Woher wir das so genau wissen? Amazon bietet für die Selfpublisher täglich aktualisierte Berichte an, die genau Auskunft geben, wie viele Bücher pro Tag verkauft werden.

 

Und die letzte Lektion: Geduld, Ausdauer und immer dazu lernen. Wir sammeln zum Beispiel jetzt erst Erfahrungen mit dem Thema Marketing auf Instagram und Facebook. Auch haben wir noch keine Rezensions-
exemplare an Buchblogger geschickt oder Buchhandlungen angesprochen, ob sie unser Buch verkaufen möchten. Eine Never-Ending-Story also.

Almut Siegert

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