Der Preisträger - Informationen zu Dirk Steinbach

 

(Foto: Michael Rauhe/Hamburger Abendblatt)

 

Dirk Steinbach wurde 1978 in Kassel geboren.

 

Während seines Studiums der Journalistik und Amerikanistik in Leipzig hospitierte er in verschiedenen

Redaktionen, absolvierte ein Auslandspraktikum in Washington und ein Volontariat bei der Hessisch Niedersächsischen Allgemeinen (HNA) in Kassel.

 

Nach Tätigkeiten für die HNA und die Deutsch Presse-Agentur war er beim Hamburger Abendblatt zunächst als Pauschalist im Sportressort, später dann Redakteur. Nach einer Station als stellvertretender Redaktionsleiter der Regionalausgaben Harburg, Lüneburg und Stade ist er seit 2013 Redaktionsleiter der Regionalausgabe Pinneberg des Hamburger Abendblatts.

 

Dirk Steinbach ist verheiratet und hat zwei Kinder.

 

 

 

Der Laudator - Informationen zu Nikolaus Gelpke

(Foto: Mathias Bothor)

 

Nikolaus Gelpke wurde 1962 in Zürich geboren und ist Verleger des „mareverlags“ und Chefredakteur der Zeitschrift „mare“.

 

Auf Anregung von Elisabeth Mann Borgese studierte er Meeresbiologie an der Universität Kiel. Nach dem Diplom führte seine Leidenschaft für die See zur Idee von mare: Die erste Ausgabe erschien 1997; 2001 ging die Dokumentationsreihe „mareTV“ im NDR erstmalig auf Sendung. Seit 2002 gehören auch Bücher zum Programm des „mareverlags“.

 

Nikolaus Gelpke ist Initiator des „World Ocean Review“, der seit 2010 jährlich erscheint. Er ist Präsident der Ocean Science and Research Foundation und des International Ocean Institute sowie Schirmherr der Game am Geomar in Kiel. Außerdem ist er Mitglied im Beirat der Deutschen Umweltstiftung und im Evaluationsteam des Exzellenzclusters „Ozean der Zukunft“ in Kiel.

Die Laudatio

Laudatio Erich-Klabunde-Preis 2016
des DJV Hamburg

 

von Nikolaus Gelpke

 

(es gilt das gesprochene Wort – Sperrfrist Sonnabend, 23.01.2016 – 22 Uhr)

 

 

Sehr geehrte Frau Friedt, sehr geehrter Herr Bürgermeister, sehr geehrte Gäste, sehr geehrter Herr Steinbach,

 

geht es Ihnen gut? Ich hoffe, Sie fühlen sich wohl heute Abend. Wir haben uns ja dem Anlass entsprechend sehr bewusst gekleidet, vor allem festlich. Wir wollen schließlich auch mit unseren Kleidern dem besonderen, dem feierlichen, gesellschaftlichen Anlass Ausdruck verleihen. Dafür erscheinen die Damen in ihren fließenden Roben äußerst weiblich, die Herren in ihren stattlichen Smokings ausgesprochen männlich.

 

Ist es nicht interessant, wenn wir uns betont festlich kleiden, wenn ein Abend das Fest des Jahres ist, dann sind wir in unseren Kleidern besonders zugehörig zuzuordnen, dann unterscheiden wir uns mehr denn je und sind unverwechselbar zu erkennen: als Männer und als Frauen. Und wir sind stolz, fühlen uns prächtig und dementsprechend wohl definiert. Aber vielleicht nicht alle. Auch heute Abend nicht.

 

Und schon sind wir mittendrin in meiner Laudatio, die mir eine Ehre und besondere Freude ist, heute Abend auf Dirk Steinbach halten zu dürfen und auf seinen Text: „Im falschen Körper geboren: Der lange Weg von Marie zu Max“, erschienen im Hamburger Abendblatt im September 2014. Denn Max hätte sich heute Abend nicht wohl gefühlt, wäre er als Marie, als die er zur Welt kam, im Abendkleid über das Parkett getanzt.

 

Dirk Steinbach schreibt über Max, der als das Mädchen Marie aufwuchs und jetzt als Jugendlicher zum Mann wird. Äußerlich. Denn in seinem Selbstverständnis war er schon lange ein Junge, und nun, im Alter von 15 Jahren, passt er seine

körperliche Gestalt dem Gefühl an. Die äußere Erscheinung ist in unserer Gesellschaft  wesentlich für nichts weniger als die eigene Identität.

 

Max benimmt sich schon seit vielen Jahren wie ein Junge, verliebt sich in ein Mädchen. Mit der Hilfe und Unterstützung seiner verständnisvollen Eltern und auch seiner Großmutter, dank der Akzeptanz von toleranten Lehrern und Mitschülern, wagt Max den ersten Schritt.

 

In  einer Hamburger Arztpraxis erhält er seine erste Spritze, gefüllt mit Testosteron. Allein mit der Beschreibung, wie die Nadel in den Körper des Jungen eindringt, zeigt unser diesjährige Klabunde-Preisträger Dirk Steinbach meisterliche Qualität.

 

Enorm präzise und nüchtern, zugleich voller Einfühlung (besonders, wenn er die Sichtweise von Max einnimmt), vor allem aber ohne jede Melodramatik eröffnet uns Dirk Steinbach die Möglichkeit, über diesen schwierig nachzuvollziehenden Prozess der Geschlechtsumwandlung zu lernen, ihm ganz selbstverständlich zu folgen.

 

Ich selbst – und das ist wirklich ein seltsamer Zufall – weiß aus eigener Erfahrung, wie intim, schwer anzunehmen und verstörend ein Eingriff in den Hormonhaushalt ist. Vor 40 Jahren gehörte ich weltweit zu einer ersten Gruppe von Jugendlichen, die in ihrem Größenwachstum hormonell gestoppt werden sollten. Nachdem ich vor meiner eigenen Behandlung die psychischen und körperlichen Folgen bei anderen „Patienten“ erlebt und die ziemlich unangenehmen Voruntersuchungen selbst durchgemacht hatte, entschloss ich mich letztlich gegen das Testosteron und für 204 cm. Dies war natürlich nur ein schmaler Einblick in die Welt der Hormonbehandlungen, aber seither weiß ich um deren Bedeutung und bin somit besonders beeindruckt, welche Last Max sich selbst auferlegt hat – und wie sensibel, kenntnisreich und ausgewogen der Autor dessen Schicksal beschreibt.

 

Dirk Steinbach schreibt über Zweifel eines jungen Menschen an der eigenen Identität, über die Erkenntnis, transsexuell zu sein, anders als fast alle anderen, und er schreibt über die Liebe und das Vertrauen in ein Mädchen. Es sind elementare Gefühle und Gedanken, und nie entsteht der geringste Zweifel an der Integrität des Autors. Ihm gelingt die journalistische Großtat, nüchtern Distanz zu halten, wenn er uns die Fakten erklärend näherbringt, und jeweils mit klarer, aber unaufdringlicher Empathie zu schreiben, wenn er sich der Gefühlswelt von Max nähert.

 

Dirk Steinbach leuchtet nicht nur die Hoffnung, Verzweiflung oder das Selbstverständnis eines Pubertierenden aus, der vor seiner großen, letzten Geschlechtsoperation sagt: „Erst wenn das geschafft ist, bin ich fertig zum Leben“. Der Text gibt auch Einblick in die professionellen Sichtweisen und Zweifel der begleitenden Ärzte und Psychologen. So erfahren wir auch noch Überraschendes: zum Beispiel, dass die Krankenkasse zwar die Hormonbehandlung finanziert, dann aber unverständlicherweise bei der Brustoperation die Unterstützung versagt.

 

Als ebenso überraschend – hier aber im denkbar besten Sinne – und ungewöhnlich empfinde ich aber vor allem das Umfeld von Max, das so außerordentlich klug und tolerant auf seine Entscheidung reagiert und ihn nach Kräften unterstützt. Es ist dies eine Geschichte, die Mut macht, seinen eigenen Gefühlen zu vertrauen und nicht aufzugeben. Dieser Erkenntniswert besitzt natürlich Gültigkeit weit über die Grenzen dieses ausgezeichneten Textes und seines spezifischen Themas hinaus, und auch dafür danken wir dem Autor.

 

Ich gratuliere Dirk Steinbach zu dieser wichtigen, sorgfältigen und klugen Arbeit. Und Dank an die Jury, diesen Beitrag zu ehren.

 

Ich wünsche Ihnen weiter einen wundervollen Abend. Und auch, dass Sie sich wirklich in Ihren Kleidern wohl fühlen.

 

 

 

 

- Sperrfrist Sonnabend, 23.01.2016 - 22 Uhr -

Nikolaus Gelpke hält Laudatio auf ausgezeichnete Reportage

Auch 2016 wird der Erich-Klabunde-Preis, den der Deutsche Journalisten-Verband Hamburg (DJV) jährlich für eine sozialpolitisch herausragende Reportage mit Hamburg-Bezug auslobt, wieder als festlicher Höhepunkt auf dem Hamburger Presseball übergeben. Die anlässlich des 70jährigen Jubiläums des DJV Hamburg am 23. November 2015 veröffentlichte Pressemitteilung zum Erich-Klabunde-Preis 2016 finden Sie hier.

Am 23. Januar überreicht nun die Vorsitzende des DJV Hamburg Marina Friedt den Preis auf der Bühne im großen Festsaal des Atlantic-Hotels dem Journalisten Dirk Steinbach. Die Laudatio für seine Reportage aus dem Hamburger Abendblatt „Im falschen Körper geboren: Der lange Weg von Marie zu Max“ hält Nikolaus Gelpke, Herausgeber und Chefredakteur „mare“.