Interview mit Dr. Jens Meyer-Wellmann vom Hamburger Abendblatt

(Foto: privat)

Waren Sie von Anfang an bei der Berichterstattung zu Corona dabei?

Ja, beim „Hamburger Abendblatt“ hatten wir das Thema früh auf dem Schirm. Anfang März habe ich Thomas Böwer interviewt, einen früheren Bürgerschaftsabgeordneten, der seit Jahren in Peking lebt. Er sagte mit seinen chinesischen Erfahrungen, er wünsche Deutschland „den notwendigen Respekt vor dem Virus“. Wenn es eine Lehre gebe, „dann den Menschen rechtzeitig reinen Wein einzuschenken – und bitte in aller Konsequenz zu handeln“, sagte er. „Ohne spürbare Einschränkungen wird es keinen Erfolg beim Kampf gegen das Virus geben.“ In Deutschland hat man das damals noch nicht wahrhaben wollen. Man hoffte durch die Pandemie mit dem simplen Motto zu kommen: „Hände waschen und Ruhe bewahren!“




Was treibt Sie an, nach Feierabend noch weiter auf Facebook zu Corona zu posten?

Ich bin seit vielen Jahren bei Facebook und Twitter aktiv. Man findet dort als Journalist viele Anregungen und bekommt wichtiges Feedback. Zu Corona habe ich Mitte März angefangen, täglich einfache Grafiken zum Verlauf der Infektionswelle in Hamburg zu posten. Ich habe eine einfache Excel-Tabelle mit Daten seit Beginn der Epidemie angelegt und die dann mit den aktuellen Zahlen des Senats zu Neuinfektionen, stationären und Intensivbehandlungen, Todesfällen und Genesenen täglich weitergeführt. So sind die Kurven über die Wochen gewachsen – und die Zahl der Menschen, die sich das bei mir angesehen haben, auch. Eigentlich wollte ich das irgendwann mal wieder lassen, aber dann haben mich viele Leute gebeten, das doch bitte weiterzumachen. Die Grafiken seien für sie mittlerweile die wichtigste Quelle zu den täglichen Hamburger Daten. 




Sie schreiben in einem FB-Kommentar, dass Sie das nicht aus reinem Zahlenfetischismus heraus machen. Was sollen die Analysen und Studien bringen?

Ich veröffentliche bei Facebook nur die Zahlen und Grafiken – bestenfalls mal mit einer kurzen Einordnung („stärkster Rückgang seit…“ etc.). In den Kommentaren entspinnen sich dann oft interessanten Diskussionen über die Deutung der neuen Zahlen. Es posten auch Facebook-Freunde, die mathematisch hundert Mal begabter sind als ich, eigene Grafiken in den Kommentaren oder ziehen spannende Schlüsse. Gerade diese Diskussionen auf erstaunlich hohem Niveau sind oft lehrreich. So gehen wir als virtuelle Gemeinschaft gemeinsam lernend durch die Krise. Natürlich sind Infektionszahlen nur bedingt aussagekräftig, da wir mit einer mehr oder weniger hohen Dunkelziffer rechnen müssen. Die belastbarsten Daten sind wohl die der stationären und Intensivpatienten, denn da gibt es keine Dunkelziffer: Wer schwer krank ist, geht in die Klinik. 




Was bedeutet Aufklärung in diesem Fall für Sie?

Wir sind in einer Lage, in der selbst Experten wenig wissen. Es mangelt nicht nur an Medikamenten, es mangelt auch an Daten, um die Situation verlässlich einzuschätzen. Unterschätzen wir das Virus und lockern die Einschränkungen zu früh? Reagiert die Politik überzogen und wir ruinieren unsere Wirtschaft wegen eines eher harmlosen Virus – und produzieren damit mehr Opfer als der Erreger selbst? Oder machen wir es genau richtig? So lange das nicht klar ist, müssen wir Journalisten alle Daten zur Verfügung stellen, alle Aspekte darstellen und unterschiedliche Experten mit ihren oft auch widersprüchlichen Interpretationen zu Wort kommen lassen. So machen wir es auch im Abendblatt. Und bekommen dafür viel Lob von unseren Lesern. Die Menschen wollen sich selbst ein Urteil bilden und wünschen sich vielseitige Informationen. Zur Aufklärung gehört aber dieser Tage auch etwas anderes: Wir müssen immer wieder betonen, dass wir vieles einfach noch nicht wissen – weil wir uns alle gemeinsam auf völlig unbekanntem Terrain bewegen.  


Die Fragen stellte Dr. Katharina Jeorgakopulos, Mitglied im Beirat des DJV Hamburg.