Deutscher Journalisten-Verband Landesverband Hamburg

Wie hast Du in den vergangenen Wochen gearbeitet?
 

Jeden Tag, wenn ich zu meinem Büro fahre, tuckere ich langsam über die Drehbrücke in Lübeck, also über die Trave. Ein schöner Arbeitsweg, und mein Büro ist, wie ich immer gern sage, das schönste im NDR: Wasserblick, die Newport-Marina vor dem Fenster und gegenüber die Altstadtinsel mit Europäischem Hansemuseum, dem Feuerschiff Fehmarnbelt und der Jakobikirche. Ich gehe jeden Tag wirklich gern zur Arbeit, freu mich auf die Kolleginnen und Kollegen, die Abwechslung, die Atmosphäre, die täglichen Herausforderungen im Job. Und dann kam Corona. Mit Corona die Corona-Dienstpläne: unser Team haben wir in zwei Gruppen geteilt. Die eine Gruppe "Deportivo la Corona" ist im Studio in der geraden Kalenderwoche, die andere Gruppe "Madrid oder Mailand, Hauptsache Italien" (meine Gruppe), ist im Studio präsent in der ungeraden Woche. Also habe ich eine Woche Homeoffice, eine Woche Präsenz, im Wechsel. Mit diesem System arbeiten wir seit Mitte März. Und noch bis kommende Woche. Vom Homeoffice aus habe ich an den üblichen Tages- und Wochenkonferenzen per Telefonschalte teilgenommen, Termine und Themen koordiniert, recherchiert, an Videokonferenzen wöchentlich teilgenommen.

Was fehlt Dir? (ggf. Was fehlt Dir nicht?)
 

Durch unsere Teamteilung war ich in der Homeoffice-Woche etwas abgeschnitten vom Tagesgeschäft - normalerweise steht alle Naselang jemand vor meinem Schreibtisch und will was, oder das Telefon klingelt, und natürlich bin ich immer im Gespräch mit den Kolleginnen und Kollegen im Studio. Im Homeoffice vermisse ich diese direkten Kontakte. Alles läuft nur über Telefon und PC, und dann in einem doch eher engen Büro zu Hause, an dem alten Schreibtisch, den ich von meinen Großtanten geerbt habe, wunderschönes Stück, aber mit wenig Beinfreiheit... Ich musste investieren: ein Headset zum Telefonieren, ein neuer Drucker, ein neuer Schreibtischstuhl, ein Stehpult. Jetzt habe ich sozusagen ein Profibüro (bin gespannt, ob ich das später alles von der Steuer absetzen kann). Ich bin ja gern zu Hause - aber lieber zur Freizeit und im Feierabend, das dient dann der Erholung und nicht dem Job!
 

Videocall, E-Mail oder Telefon – Wie hältst Du aus dem Homeoffice heraus Kontakt zu den Kolleginnen und Kollegen?
 

Wir haben vormittags immer zwei reguläre Redaktionskonferenzen, die über Telefon laufen. Wenn nicht gerade mein WLan ein update macht, oder Citrix abstürzt, oder die Katze über die Tastatur läuft und die Verbindung kappt. Dazu Dienstag Abteilungsleiterrunde per Telefon am Vormittag, am Nachmittag ein Videocoaching der Aus- und Fortbildung. Donnerstags zusätzlich zwei Wochenplanungskonferenzen. Ich habe mein privates Laptop und mein privates iPad in Betrieb, dazu parallel mein dienstliches iPad und mein Diensthandy, sowie für die WhatsApp-Kommunikation mit den KollegInnen mein privates Handy. E-Mails und Telefon waren die wichtigsten Kommunikationsmittel, dazu ein allabendliche Abfrage an die ReporterInnen, was genau sie am nächsten Tag auf dem Arbeitsplan stehen hatten per WhatsApp. Was dabei auf der Strecke blieb, waren die Gespräche, die so nebenbei im Büro laufen, ohne dass es um einen konkreten Beitrag für Hörfunk oder Fernsehen geht.
 

Ist COVID-19 noch Hauptthema Deiner täglichen Arbeit? Welche andere Themen stehen im Norden im Fokus der Berichterstattung?
 

Es gibt immer noch viele Covid-bezogene Themen. Am Anfang ging es natürlich so gut wie nur noch um Corona - Zahlen und Daten, örtliche Verordnungen, Auswirkungen auf Gesundheitswesen, Handel und Kultur, alles aktuelle eben. Dann kamen die Randthemen, Fördermittel oder Soforthilfe - wo kommt es an und wie, oder wer bleibt auf der Strecke. Sehr beeindruckend war eine zweistündige Radiosendung, die ich konzipiert und vorbereitet habe, zum Thema Corona und Inklusion - die Situation von Behinderten und ihren Familien, das war emotional und ein Thema, das damals noch wenig im Focus war. Inzwischen haben wir Berichte über die Lockerungen, den Tourismus (besonders in unserer Region Ostholstein, Lübeck und Herzogtum Lauenburg relevant), die Insolvenzen, und aktuell auch wieder Themen aus Vor-Corona-Zeiten: Lärmschutz bei der Hinterlandanbindung zur Fehmarnbelt-Querung, Spargelernte-Ergebnis, Zeugenaufrufe der Polizei, Gerichtsprozesse, Baustellenprobleme in und um Lübeck... alles das, was regionale Berichterstattung eben ausmacht.
 

Was hat Dich herausgefordert und was ging doch einfacher, als zuvor gedacht? Welche positiven Dinge nimmt Du mit für die Zukunft?
 

Herausfordernd für mich war die Disziplin im Homeoffice - und das zu viele Sitzen in demselben. Das empfand ich als physisch und psychisch anstrengend und ich habe mir dann bestimmte Pausen verordnet und Bewegung (bei mir wegen einer Knie-OP im Februar aber nur limitiert möglich). Außerdem brauchte ich dann Konzepte, um Arbeit und Freizeit auch zu Hause zu trennen - feste Zeiten zum Kochen oder Backen, für Hobby, für Garten; und einigermaßen feste Zeiten für die letzte abendliche Abfrage und Rundmail. Einfacher als gedacht waren die Möglichkeiten, die unser interner Systemservice geschaffen hatte für die Arbeit, das hat weitgehend gut funktioniert und bei Problemen konnte ich immer jemand im Systemservice erreichen. Cool. Das wird, denke ich, auch künftig funktionieren - und wenn ich mir mal wieder einen üblen Schnupfen einfange, habe ich mir vorgenommen: Homeoffice statt Büro. Schützt auch das Team vor meinen Bakterien oder Viren. 

Eines zum Schluss: die Trennung in zwei Gruppen, das Auseinanderrücken, das hat auch etwas mit dem Team gemacht. Alle haben mitgezogen, manche haben gemerkt, ach guck mal, geht auch ohne Anwesenheit im Studio, und wollen das entspannt beibehalten, wo es möglich ist. Aber viele von uns stellen auch fest, dass wir das Miteinander in unserem Großraumbüro, das gemeinsame Mittagessen mit den KollegInnen, das Themen-Brainstorming auf unserer Studioterrasse und den stetigen Austausch und Kontakt vermissen. Wer in unserem Kommunikationsberuf arbeitet, braucht diesen persönlichen wie intellektuellen Austausch, glaube ich, weil er Hirn und Herz anregt. Das ist mir neu bewusst geworden. Und es ist eine größere Achtsamkeit entstanden, das empfinde ich als positiv, mehr Rücksichtnahme. Ein schönes Gefühl. Trotzdem bin ich froh, wenn unser Team bald wieder mehr zusammenrücken kann im NDR Studio Lübeck.

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